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Gitarre und das Meer Im gleichen Jahr, ein Jahr nach der ersten Grammy-Verleihung führte die deutsche Fachzeitschrift "Der Musikmarkt" die Hitparade ein. Sie beruhte auf Händlerbefragungen und Musikbox-Kontrollen. Denn neben dem Schallplattenverkauf zählte vor allem, wie oft ein Titel in einer Kneipe oder Eisdiele gespielt wurde. Platz 1 der ersten Hitparade im Dezember 1959 erreichte "Die Gitarre und das Meer" (Freddy Quinn). Der Wiener Franz Eugen Helmut Manfred Nidl-Petz, alias Freddy Quinn war und ist bis heute das Sinnbild des Gitarre spielenden Matrosen, voller Romantik, Kraft und Traurigkeit. Und „Die Gitarre und das Meer“ geht in das deutsche Volksliedgut ein. Jack, die Gitarre und das Surfboard Danach hörte man lange nichts mehr von Gitarre spielenden Matrosen. Dafür umso mehr von Gitarre spielenden Surfern, deren Sehnsucht ebenso das Meer zu sein scheint, wie seinerzeit Freddy Quinn es uns glauben ließ. Im Jahr 2000 brachte Jack Johnson in den USA eine Platte mit Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug heraus. Seine Rockballaden vermitteln Lagerfeuerromatik an den Stränden von Hawaii, „als sei das Genre nicht seit Jahrzehnten völlig ausgelutscht, sondern eben erst erfunden worden“(DIE ZEIT, 4.5.2005, Nr. 19). Seine CD wird kaum beworben, im Radio wenig gespielt, wird von Hand zu Hand gereicht, sie verkauft sich zunächst zögerlich und am Ende millionenfach. Seine Musik ist im Gegensatz zu damals und zu anderen nicht traurig mit dem Meer verbunden. Er hatte eine glückliche Kindheit auf Hawaii, ist immer gesurft, hat Filme übers Surfen gedreht und mit Freunden Musik als Soundtrack für die Surf-Filme gemacht. Jetzt ist er berühmt und hat Erfolg, aber wenn er ihn nicht mehr hätte, dann könnte er wieder mehr Zeit am Meer beim Surfen verbringen. Diese entspannte Liebe zur Gitarre und dem Meer wird von vielen Menschen geteilt, wenn sie denn nicht ihren Lebensunterhalt mit einem von beiden erarbeiten müssen. Der Matrose, das Meer und die Gitarre Jeder Mensch, der zur See fährt, segelt im Windschatten mächtiger Mythen; ein Held, an dessen starke Schultern man sich lehnen kann – wenn denn er männlich ist. Ein Matrose vereinigt ausschließlich männliche Eigenschaften wie Kraft, Selbstvertrauen, Potenz, Mut und Ausdauer in sich: Seine Braut ist die See, er trinkt Buddeln voll Rum, und den in jedem Hafen wartenden Frauen, denen er verspricht: Ein Schiff wird kommen. Bei der Bundesmarine ist der Matrose der unterste Dienstgrad, dafür ist nicht einmal eine seemännische Ausbildung nötig. Bei der Handelsschifffahrt wurde früher jeder Seemann nach drei Jahren Lehrzeit als Matrose bezeichnet. Seit 1982 hat der Schiffsmechaniker den Matrosen als Ausbildungsberuf abgelöst. Er bedient, repariert und wartet die technischen Anlagen im Maschinenraum und an Deck. Außerdem ist er für das Vertäuen, also das Festmachen und Losmachen des Schiffes zuständig. Die Arbeit ist körperlich sehr anstrengend und alles andere als schonend für die Hände. Matrosen sind mit dem Meer durch Arbeit, Einsamkeit und sexuellen Notstand verbunden, nicht durch hehre Ideale oder folkloristische Momente. Schon möglich, dass sich die Sehnsüchte an Bord auch über die Musik entladen lassen. Das Instrument der Seefahrer war indes nicht die Gitarre, sondern das Akkordeon. Nicht von ungefähr heißt es auch Schifferklavier. Die Ziehharmonika war geradezu ideal um die rhythmischen Arbeitslieder der Seeleute zu begleiten. Die meisten Seemannslieder sind in Deutschland untrennbar mit dem Akkordeon verbunden. Seine Tasten und Knöpfe lassen sich auch noch mit rauhen Fingerspitzen und abgebrochenen Nägeln spielen. Ganz anders das Spiel der Gitarre. Außer gepflegten, gefühlvollen Händen sind für ihr Spiel auch nicht zu extreme klimatische Bedingungen erforderlich, um noch halbwegs klingende Töne erzeugen zu können. Die extremen Wechsel der Temperaturen unter und auf Deck und die Schwankungen der Luftfeuchtigkeit in den verschiedenen Klimazonen machen die relativ empfindliche Gitarre nicht eben zum idealen Musikinstrument für die Seefahrt. Der Mythos des entspannten, Gitarre spielenden Seemanns auf einem Großsegler wird gleichwohl durch eine Bierwerbung weiter am Leben erhalten. Schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts existiert das Bild des Gitarre spielenden Matrosen. Es gibt viele Gründe, warum die Gitarre und Matrosen häufig in einem Atemzug erwähnt werden. Einer ist sicher die große Sehnsucht nach dem Abenteuer, die das Meer hervorruft, ein anderer die körperliche Attraktivität der muskulösen Männer, die nicht zu haben sind. Seemänner sind Abenteurer und gleichzeitig unerreichbare Objekte der Begierde, was sie für Frauen wie für Männer gleichermaßen anziehend macht. Dieser Sehnsucht wird in den Liedern vieler Küstenländer Ausdruck verliehen, z. B. auch in den Mornas der Kapverdischen Inseln. Während das Akkordeon das Musikinstrument auf See ist, scheint die Gitarre jenes an Land zu sein, welches die Sehnsucht nach dem Meer und den Matrosen am besten zu transportieren vermag. In Moskau (mehr als 500 km von der nächsten Küste entfernt) soll es sogar einen Gitarrenbauer geben, der Korpusholz nutzt, welches von einem Schiffswrack stammen soll, das schon seit Jahrzehnten irgendwo herumliegt und aus dem er sich die besten Stücke abgeschnitten habe. Da mag es nicht mehr erstaunen, dass vor allem „singende Landratten“ (Mare, Nr. 33) ihre Lieder über die Seefahrt und das Meer auf der Gitarre begleiten und sich mit der (sexuellen) Attraktivität eines Seemanns umranken. Zu ihnen gehören in Deutschland neben Freddy Quinn auch Musiker anderer Sparten: Rio Reiser, Udo Lindenberg, Achim Reichel, Herbert Grönemeyer und die Toten Hosen. Ganz anders Hans Albers: auch wenn er selbst nicht zur See fuhr, war er doch ein Junge von der Waterkant und wurde immer von der für die Seefahrt typischen Ziehharmonika oder dem Akkordeon begleitet. In Deutschland war und ist nicht die Küstenregion wesentlich für die Gitarrenmusik. Die weit größere Bedeutung erfuhr die Gitarre im Süden Deutschlands und in Österreich. Zu Beginn des letzten Jahrhunderts gab es in der Stadt München eine gigantische Gitarristische Bewegung, mehr als einhundert Werkstätten widmeten sich dem Gitarrenbau. Nahezu jeder Haushalt verfügte über eine Gitarre. Nicht zuletzt kam auch Freddy Quinn Gitarre spielend aus Österreich nach Hamburg und mimte erst in der Folge den Matrosen. Freddy, die Gitarre und das Meer, Deutschland 1959, Regie :Wolfgang Schleif Mit: Freddy Quinn, Corny Collins, Sabina Sesselmann, Christian Machalet, Peter Carsten http://www.mare.de/ http://www.anthropologen-kontor.com 12.08.2005 |